Das kranke Gesundheitssystem

Das kranke Gesundheitssystem

Anregung und Kritik erwünscht

Als steter Streiter gegen ein in meinen Augen ungerechtes Gesundheitssystem, dessen Gewinner die Krankenkassen und dessen bedauerliche Opfer die Patienten sind, freue ich mich über jede Form von Zustimmung, Ratschlag, Anregung oder Kritik. Ich wünsche mir nur, dass bei aller nachvollziehbarer Emotion der gute Ton in schriftlichen Beiträgen die erste Geige spielt.

Dr. Christian Nunhofer

Die tolle App versaut die Zukunft

Das AllerletzteGeschrieben von Dr. Christian Nunhofer 29 Jun, 2016 10:16:01

Telemedizinverbot: Der SPIEGEL schwadroniert wie gewohnt, wenn es um Gesundheitspolitik geht. "Kontaktverbot im Web" titelt das Magazin vom 25.06.2016 auf Seite 73. Online einen Arzt zu befragen sei in Deutschland leider verboten. Eine Regelung aus dem Deutschen Reich von 1927 schließe Fernbehandlungen aus, weiß der Autor Martin U. Müller, weshalb eine Online-Praxis in England nun in die Bresche springe und sich als Helfer in der Not in modernen Zeiten anbiete. Für neun bis 29 Euro pro Konsultation, gegebenenfalls auch mit zugesandtem Rezept. "Bei Bagatellen wie Mückenstichen oder simplen Durchfall muss der Patient nicht immer in eine Praxis", zitiert Müller einen Arzt. Da hat er recht. Aber braucht es das überhaupt? Oder tut's eventuell nicht bei zwei Insektenstichen oder einem besonders „flotten Otto“ zuerst auch einmal der Rat des Apothekers um die Ecke?

Preiswert oder einfach nur billig?

Außerdem: neun bis 29 Euro pro Konsultation! Mit knapp 30 Euro (eher etwas weniger) muss ein bundesdeutscher Orthopäde ein Vierteljahr lang pro Kassenpatienten auskommen. Egal, wie oft der von Schmerzen gepeinigte Kunde wegen "Rücken" schon wieder auf der Matte steht. Ist Telemedizin also wirklich preiswert? Oder einfach nur billig?

Herrn Müller freilich ficht das nicht an. Er lässt in bewährter Weise eine Frau Mauersberg von der Verbraucherzentrale zu Wort kommen: "Letztlich ist es doch ein Abrechnungsproblem. Patienten, die der Arzt einfach nur deshalb einmal im Quartal einbestellt, um sein Praxisbudget zu sichern, würden wegfallen." Aha, wenn das eigene Kind einen Wespenstich erlitt und deswegen bereits der Telearzt in Great Britain in Anspruch genommen wurde, verzichtet man selbstverständlich auf weitere Quartalsbesuche beim Hausarzt, sollte der Nachwuchs plötzlich eine richtige Grippe bekommen - oder wie?

Was die Verbraucherzentralen hartnäckig ignorieren und Herr Müller schlicht nicht zu wissen scheint ist, dass die ambulante Medizin rationiert wurde wie Butter und Brot nach dem Krieg. Die Sanktionen treffen allerdings nicht den Patienten, sondern raffinierterweise seinen Arzt. Der Ausdruck für diese Gemeinheit lautet irreführend und verharmlosend "Budget". Mehr als einen bestimmten Betrag pro Quartal gibt es für den Onkel Doktor nicht.

Was, wenn der Insel-Doc irrt?

Frau Mauersberg scheint von einer in schwindelerregender Höhe liegenden Budget-Messlatte zu fantasieren. Von üppigen Geldbündeln, die die Praxen ohnehin nicht aufbrauchen können und daher froh sind um jeden Patienten, der kommt. Denkste! Im Durchschnitt wird in jeder deutschen Arztpraxis pro Quartal um 15 Prozent mehr gearbeitet, als die Kassen vergüten. Das nennt sich "Budgetüberschreitung" - von wegen "Budget sichern!"

Mir können Sie ruhig glauben, dass es sich so verhält, immerhin bin ich seit fast drei Jahren Ex-Kassenarzt. Allerdings verstehe ich immer noch nicht, warum die Verbraucherzentralen ständig (!) Menschen eklatant desinformieren. Wenn das mal kein Thema für eine SPIEGEL-Recherche wäre …

Eine Frage beantwortet uns Herr Müller natürlich nicht, die hat er gewiss nur vergessen: Wer haftet, wenn die Fernbehandlung falsch ist, eine wesentliche Diagnose übersehen wird? Wie macht der Patient hierzulande Schadenersatz gegen den Doc auf der Insel geltend? Hm… Tja, hingeschrieben ist schnell was, nicht wahr? Nachdenken und gründlich recherchieren erfordert viel Zeit. Absoluten Durchblick bei derart komplexer Materie kann man sowieso nicht als Selbstverständichkeit voraussetzen; schließlich liegen noch andere Geschichten auf dem Schreibtisch. Wie heißt ein altes, vor allem bei Boulevard-Journalisten beliebtes Sprichwort? Ach ja: "Gründliche Recherche lässt die schönste Story platzen".

Auch Google interessiert sich für den Rhythmus

Ein bekannter - wenn nicht sogar der bekannteste deutsche Sozialpsychologen, der im SPIEGEL immer wieder zu Wort kommt, ist der Flensburger Professor Harald Welzer. Im Heft 17/2016 veröffentlichte er einen Essay mit dem Titel "Das Leben ist analog", um in sein neues Buch "Die smarte Diktatur" über unsere schleichende Versklavung durch die digitalen Medien einzuführen. Eine Lektüre, die auch im Heft vom 25.06. noch auf Platz 7 der Sachbuch-Bestseller rangiert.

Wer dieses literarische "must-have" auf keinen Fall gelesen haben kann, ist Martin U. Müller. Fröhlich naiv palavernd gibt er kund: "Dank Smartphone wissen Patienten heute bisweilen mehr über ihren Gesundheitszustand als nach der schnellen Untersuchung in einer schlecht ausgestatteten Praxis“. Man könne, verrät er, ein iPhone etwa mit einer EKG-Funktion ausstatten und eine App den Herzrhythmus analysieren lassen. Vorhofflimmern als akutes Risikofaktor für einen Schlaganfall würde die Smartphone-Kamera sicher erkennen.

Toll. Der Stolperstein: Nicht nur der Patient weiß damit mehr über seinen Gesundheitszustand, sondern auch Google und deshalb zeitnah auch jeder, der bereit ist, den Datenhändlern, jenen Piraten der Neuzeit, genug Geld für sensible Infos wie diese zu bezahlen. Alles Quatsch, denken Sie? Und fragen sich, wem Ihr Rhythmus so am Herz liegen sollte?

Ein herzliches Veto

Hmmm … Versicherungen? Nein, nein - denen bestimmt nicht, die sind ja auch sooo arm geworden, die können sich das doch gar nicht mehr leisten. Aber was ist, wenn Sie sich selbständig machen wollen, eine Lebensversicherung mit anhängender Berufsunfähigkeitsversicherung brauchen, Ihr angefragter Versicherer aber zufällig schon darüber informiert ist, dass Sie im wahrsten Sinne des Wortes etwas auf dem Herzen haben? Wegen der famosen App, die Ihre Pumpe überwacht, wird Ihnen der Vertrag verweigert!

So schnell können sich Zukunftspläne ändern. Übrigens auch für Leute, die mit langfristigen Jobs als Angestellte liebäugeln. Weiß der Arbeitgeber konkret Bescheid, wo den „Neuen“ der Schuh drückt, kann es schwierig werden mit unbefristeten Verträgen. Sogar bei SPIEGEL-Redakteuren, gell, Herr Müller?





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