Das kranke Gesundheitssystem

Das kranke Gesundheitssystem

Anregung und Kritik erwünscht

Als steter Streiter gegen ein in meinen Augen ungerechtes Gesundheitssystem, dessen Gewinner die Krankenkassen und dessen bedauerliche Opfer die Patienten sind, freue ich mich über jede Form von Zustimmung, Ratschlag, Anregung oder Kritik. Ich wünsche mir nur, dass bei aller nachvollziehbarer Emotion der gute Ton in schriftlichen Beiträgen die erste Geige spielt.

Dr. Christian Nunhofer

Gefährliche Wut auf "die da oben"

Von Kranken und KassenGeschrieben von Dr. Christian Nunhofer 24 Nov, 2016 10:23:26

Nein, die etablierten Politiker, Journalisten und Politikwissenschaftler haben immer noch nicht verstanden, was Donald Trump zum Präsidenten der USA gemacht hat. Im STERN vom 11.11. erklärt der renommierte Politikwissenschaftler Professor Karl-Rudolf Korte auf die Frage, welche Lehren die etablierten Parteien in Deutschland im Lichte der US-Wahlen zum künftigen Umgang mit Populisten ziehen sollten: "Zuversicht verbreiten, nicht Angst. Und konkrete Zukunftspläne für soziale Infrastrukturen entwickeln, die allen etwas bringen."

Mir dünkt, Herr Professor haben etwas Wesentliches nicht kapiert. Hat etwa Angst die Wähler Trump zugetrieben? Nein! Es war die pure WUT auf "die da oben", die sich sozial geben, sich aber de facto Hand in Hand mit den Konzernen Posten und damit Millionensummen gegenseitig zuschieben und meinen, "die da unten" mit nichts als Stillhalteparolen abspeisen zu können.

Die Weglass-Presse als Hiobs-Botschafter

Und die Medien, die in den USA genauso viel an Glaubwürdigkeit verloren haben wie hierzulande? Die werden eben als Übermittler der Hiobs-Botschaften, als "Hofnarren", längst aber nicht mehr als Volkstribunen und Fürsprecher der kleinen Leute wahrgenommen. Missstände schweigt man tot, statt sie zu thematisieren.

Bei uns ist es keinen Deut anders. Als neulich CETA - leider! - verabschiedet wurde, habe ich in Publikationen verschiedenster Quellen allenthalben den Hinweis vermisst, dass mit CETA auch die ordentliche Gerichtsbarkeit bei Streitigkeiten zwischen der EU, Kanada und Konzernen abgeschafft wird.

Deren Aufgabe übernehmen statt dessen "Schiedsgerichte", also obskure Hinterzimmertribunale ohne Berufungsmöglichkeit, in die auch die Konzerne "Richter" schicken, die Staaten zu Milliardenstrafen aus Steuergeldern im Sinne der Konzerne verurteilen können.

Eingestampfte Argumente

Spielte dieses Thema eine Rolle vor bei der Berichterstattung der Weglasspresse, als sich die Wallonen dem Handelsabkommen entgegenstemmten? Informationen, dass zwischen den USA und Kanada das Freihandelsabkommen NAFTA besteht und US-Firmen nur Niederlassungen in Kanada eröffnen müssen, damit - zugegeben verkürzt - gilt: NAFTA + CETA = TTIP?

Nichts dergleichen - Argumente wurden eingestampft auf Parolen wie "Wird die EU noch fähig sein, ein Handelsabkommen zu ratifizieren, oder ist sie handlungsunfähig?" Da wurden Emotionen bedient, statt über Fakten berichtet: Die mediale Berichterstattung war schlicht postfaktisch. Wer durchblickt, wird in so einer Situation nicht ängstlich, sondern WÜTEND!!!

Parallelen zur Medizin

Was hat das alles mit Medizin zu tun? Gibt es schlimmstenfalls Parallelen? Am 2. November titelte die "ÄrzteZeitung" zur Reform der Gebührenordnung, die seit 21 Jahren in der Vergütung nicht mehr angepasst ist (bei Privatpatienten kostet das EKG heute noch genau den selben Betrag wie 1996!): "Arztstunde soll 100 Euro wert sein".

Kein Geringerer als der Verhandlungsführers der Ärzte und Vorsitzenden des Hartmannbundes, Dr. Klaus Reinhardt, der die Verhandlungen für die Ärzte im Auftrag der Bundesärztekammer führt, tat dies kund. Hundert Euro!!! Hat er das ernst gemeint? Als ich vor etlichen Jahren einen Medizinrechts-Anwalt zu Fragen der Gründung einer Berufsausübungsgemeinschaft beschäftigt hatte, verlangte der 150 Euro - für die Anfahrt - und 250 Euro für die eigentliche Tätigkeit vor Ort.

Der Anwalt ist nach acht Semestern gebacken

Zur gefälligen Erinnerung: Mindestdauer Jurastudium acht Semester, dann ist der Anwalt gebacken, die Kanzlei kann eröffnet werden. Mindestdauer Medizinstudium: 12 Semester (nebenbei: kein anderes Fach hat einen solchen Lernaufwand - die spätere 60-Stunden-Berufswoche lernen die Mediziner schon im Studium kennen, in den "Semesterferien" stehen Praktika auf dem Plan).

Im Anschluss dann fünf bis sechs Jahre Facharztausbildung (auch für Allgemeinärzte!), es folgt die Facharztprüfung, dann erst geht's - meist verbunden mit beachtlichen finanziellen Investitionen - in die eigene Praxis.

Handwerksmeister? Zehn Jahre Schule, dann drei Lehrjahre bis zur Gesellenprüfung, drei Jahre Meisterschule. Kosten Meisterstunde incl. Mehrwertsteuer 83,30 Euro (bitte Preisliste DICKItal Elektrotechnik googeln). Nach - im optimalen Fall - 16 Jahren Schule und Ausbildung.

Unsereiner war extrem schnell und hat nach 27 Jahren Schule und Ausbildung seine Facharztpraxis eröffnet - und das soll gerade 16,7 Prozent mehr wert sein als eine Meisterstunde?

Vorschläge, die Wut erzeugen

Außerdem wage ich zu behaupten, dass mein Wissen wesentlich komplexer und meine Verantwortung ungleich höher ist als zum Beispiel die eines Elektromeisters. Klar, auch der kann fatale Fehler begehen - aber wie viele Menschen hat er schon konkret davon abgehalten, von der Autobahnbrücke zu springen oder sich sonstwie das Leben zu nehmen?

Unsereiner? Dutzende! Von anderen schwerwiegend und lebensbedrohlich Erkrankten in der Neurologie und Psychiatrie, denen ich an Leib und Leben helfen konnte und helfen kann, ganz zu schweigen. Was also bringt mir eine Arztstunde mit hundert Euro Umsatz - nicht brutto, und schon gar nicht netto? Nichts. Aber solche Vorschläge machen etwas mit mir: sie schüren WUT!!! Ich fühle mich in meiner Ausbildung und meiner Verantwortung im Vergleich zu anderen Berufen schlicht missachtet!

Rationalisierungsgewinne? Sinkende Kosten?

Weiter im Text: "Auf der anderen Seite - in der Technik - stehen Rationalisierungsgewinne und sinkende Kosten", schreibt die Ärzte Zeitung. Unser Ärztevertreter Reinhardt schreckt vor einem Beispiel nicht zurück. Vor neun Jahren habe sein neues Ultraschallgerät 50 000 Euro gekostet, vor vier Jahren ein Neues nur noch die Hälfte.

Auch solche Kostenvorteile - meint er - müssten in der neuen GOÄ berücksichtigt werden. Soll das heißen, dass Ultraschallleistungen nach über zwanzig Jahren der Nicht-Anpassung billiger werden? Das wäre ja eventuell ganz o.k., wenn die Versicherer ebenso denken würden, sofern es um die Prämiengestaltung geht.

Keine sinkenden Versicherungs-Prämien

In den Krankenkassen wimmelt es nur so vor Technik: Jeder Sachbearbeiter sitzt vor einem PC-Terminal. 1996 - im Jahr des Inkrafttretens der aktuell immer noch gültigen GOÄ - waren die Rechner um ein Vielfaches teurer und dabei wesentlich leistungsschwächer als die Geräte heutzutage.

Haben Sie bemerkt, dass ob dieses Sachverhalts Versicherungsprämien gesunken sind? Ich nicht. Im Gegenteil: Gerade in der Privaten Krankenversicherung stiegen die Zuschläge in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich fünf Prozent – per annum! (https://www.1averbraucherportal.de/versicherung/krankenversicherung/beitragserhoehung#).

Was schlussfolgert Dr. Reinhardt laut Ärztezeitung nach mehr als zwanzig Jahren Stillstand?: "Der Kostenrahmen für die Einführung der neuen GOÄ wird bei maximal 6,4 Prozent liegen". Wobei, das sei an dieser Stelle spaßeshalber aufgeführt, allein die aufsummierte Teuerungsrate von 1996 bis 2015 33,8 Prozent beträgt.

Bedroht, überfordert oder erpresst?

Warum nur bringt der Vertreter der Ärzteschaft solch enormes Verständnis für die Positionen der Privaten Krankenversicherungen auf? Ist er von der Komplexität der Materie überfordert? Wird er bedroht, gar erpresst? Ist er vielleicht zu gutmütig, um irgend jemandem auf die Füße zu treten?

Ich fürchte, die Antwort fällt simpler aus und formuliere es auf gut bayerisch: Ja mei! Er sitzt halt wohldotiert im Beirat der Deutschen Ärzteversicherung und der Vorsitzende der Bundesärztekammer, Montgomery, befindet sich ebenfalls nicht nur im Beirat, sondern auch noch im Aufsichtsrat selbiger Versicherung. "Do hoasst´s zammhalten und nie nix zuagehm", hätte Ludwig Thomas Landtagsabgeordneter Josef Filser gesagt.

Money, Money, Money

Passenderweise ist die Deutsche Ärzteversicherung eine hundertprozentige Tochter des AXA-Konzerns, der auch ein großer privater Krankenversicherer ist. Es geht nur ums "Diridari", sprich: Geld. Dämmert's jetzt? Und was verursacht das bei dem, der durchblickt? Etwa Angst? Nein: WUT!!!

Weiter im Sermon der Ärztezeitung, und zwar zur Rolle der Politik, denn die gewählten Volksvertreter müssen die neue GOÄ ja letztlich beschließen. "Als Problem erweist sich, dass der Staat nicht nur Verordnungsgeber ist, sondern über die Beihilfe zugleich einer der Kostenträger. Die Haushaltssituation in den Ländern bremst hier die Möglichkeit der Honorarentwicklung."

Zur Info für alle, die mit dem Begriff "Beihilfe" nichts anfangen können: Das ist die private Zusatzversicherung für die Beamten. Allein die aufsummierte Teuerungsrate 1996 bis 2015 beträgt 33,8 Prozent - und die Erhöhung der Bezüge der Bundestagsabgeordneten liegt im selben Zeitraum bei 49,0 Prozent. Die erneute Anhebung um 830 Euro seit 1. Juli ist noch nicht mit eingerechnet. Arzthonorare erhöhen funktioniert aber keinesfalls - das würde ja die öffentlichen Kassen belasten.

So tot, wie man nur sein kann

Passenderweise in diesem Sinne äußerte sich jüngst der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Laumann: Auf die Frage einer Journalistin zur sprechenden Medizin und dazu, woher das Geld für deren Vergütung innerhalb der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) künftig kommen soll, antwortete er: "Die GOÄ ist nicht mein Thema". Und: "Sie wissen, dass die (GOÄ) zurzeit so tot ist, wie sie nur tot sein kann".

Zudem sei dies nicht das Problem der Gesetzlichen Krankenversicherung. Insgesamt glaube er, Laumann, dass sich die 'Ärzte in unserem Land alles in allem über ihre Honorierung nicht beklagen können“. (http://www.facharzt.de/content/red.otx/187,173179,0.html). Aha, offenkundig ist zudem für die gesetzlich Krankenversicherten zuständigen Staatsminister im Gesundheitsministerium noch nicht vorgedrungen, dass für etliche basisversorgende Fachärzte die Kassenmedizin ein Draufzahl-Geschäft ist. Das hat das kürzlich veröffentlichte Neubauer Gutachten ergeben (sh. Blogbeitrag: "Die KVB ist existent, aber sinnlos!").

Inkompetent dümmliches Gefasel

Diese armen Kassenleistungserbringerarztsklaven sind auf die Einnahmen der Privatversicherten angewiesen, um mit ihnen das defizitäre Kassengeschäft querzusubventionieren. Bittere Realität in Deutschland! Und was erzeugt das inkompetent-dümmliche Gefasel des Spitzen-Gesundheitspolitikers Laumann? Bei mir jedenfalls nicht Angst, sondern WUT!!!

Denn "die Politik" hatte sich natürlich über die Jahre hinweg nicht gescheut, die Gebührenordnungen anderer Selbständiger nach oben hin ordentlich anzugleichen, zum Beispiel die der Architekten, Notare, Steuerberater und Rechtsanwälte.

Da heißt es doch tatsächlich im Art. 3 Grundgesetz: (1) "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich". Ob das nicht beinhaltet, dass auch alle Menschen vom Gesetzgeber gleich fair behandelt werden müssen, unabhängig von der öffentlichen Haushaltslage?

Sie sägen am Ast, auf dem sie sitzen

Meine Damen und Herren von der Politik, vom Funktionärsestablishment und von den Weglassmedien: Glauben Sie mir, Sie können sich ruhig weiter gegenseitig anlügen über die wahre Befindlichkeit der Bevölkerung und untauglichen demoskopischen Ergebnissen vertrauen. Die Manipulation von "denen da unten" zu Ihrem eigenen Wohl und dem der Konzerne in gegenseitiger Symbiose funktioniert nicht mehr.

Die Resultate sehen Sie am Ausgang der Brexit-Abstimmung, der US-Präsidentenwahl und vermutlich demnächst an der Präsidentenwahl in Österreich. Der Lobbyismus, einhergehend mit der Eigennutzoptimierungsdenke, die Sie auf Kosten "derer da unten" betreiben, führt dazu, dass Sie sich den Ast absägen, auf dem Sie sitzen, weil Ihnen das eigene Wählervolk abhanden kommt.

Es gibt nur drei Möglichkeiten

Die SPD hat es schon leidvoll erfahren - aber immer noch nicht kapiert. Eine Wahlkampflüge wie "Es ging uns noch nie so gut wie heute" nimmt das Volk zu Zeiten, in der die Mittelschicht wieder nach unten driftet und der Armutsbericht eine ganz andere Sprache spricht, selbst einer Bundeskanzlerin nicht ab. Es gibt nur drei Möglichkeiten:

1. Sie, die "Volksvertreter", wählen sich ein anderes Volk.

2. Das Volk wählt sich andere Vertreter.

3. Sie fangen an, wieder das Volk zu vertreten anstatt zuerst Ihre Interessen und die der Konzerne gegen das Volk. Auch wenn diese Denke für Politiker vom Schlage eines José Manuel Barroso, Gerhard Schröder, Daniel Bahr, Ronald Pofalla, Eckart von Klaeden etc. etc. unvorstellbar ist.



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